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Quelle:ln-online/lokales vom 07.08.2007

Foto: Reichardt/LN

Abendtörn mit der "Norden":
Segelnd in den Sonnenuntergang
Abendsegeltörn an Bord der „Norden“
Bei einem Abendsegeltörn an Bord der „Norden“ werden Romantikträume wahr.
Foto: Reichardt/LN

 

Grömitz - Die Sonne geht unter, die Grömitzer Seebrücke verschwindet am Horizont und der Wind trägt Gitarrenklänge übers Meer: Bei einem Abendsegeltörn an Bord der "Norden" werden Romantikträume wahr.

Der Moment ist gekommen, als Klaus Timpen mit gefühlvoller Stimme und norddeutschem Akzent das Lied "I am Sailing" anstimmt. Sanft schlagen die Finger des Matrosen die melancholischen Akkorde an, als die letzten Abendsonnenstrahlen die Planken der "Norden" in rötlich-warmes Licht tauchen. Manfred Schmidt seufzt. Und legt den Arm um die wetterbejackten Schultern von Ehefrau Ruth. Versonnen blicken die Urlauber aus Lengede aufs Meer hinaus, wärmen sich die Hände an dem Becher Rumpunsch, der ihnen eben aus dem Kombüse unter Deck nach oben gereicht wurde.

Es ist frisch heute Abend an Bord des Traditionsseglers, der von der Grömitzer Seebrücke aus zu Piratenfahrten und Abendsegeltörns ablegt. "Das ist ja Polarsegeln hier", scherzt Timpen, als er dicke Jacken an zu dünn angezogene Gäste verteilt. "Aber gut, dass wir mitgefahren sind", sagt Manfred Schmidt zum bestimmt schon vierten Mal. "Ja, das ist was anderes als hinter Glasscheiben auf einem Fahrgastsschiff", sagt "Musikmatrose" Timpen in einer Pause zwischen zwei Liedern. "Und dann so ein schöner Sonnenuntergang heute. Das erleben wir auch nicht alle Tage."

Zwei vor der Küste verdümpelte Stunden ist es her, dass Käptn Peter Fleck (50) die Urlauber an Bord seines Schiffes begrüßt hat. Knapp, mit wettergegerbtem Charme: "Kinder kriegen Schwimmwesten, den Hund nicht füttern und die Treppe rückwärts runter." Das Reden übernimmt Matrose Timpen, der seit über 30 Jahren mit Fleck befreundet ist. Die Gäste-Crew genießt Brote und Bier (zu Timpens Graus herrscht an Deck eine Vorliebe für neumodischen Limettengeschmack. . .), und der 59-Jährige plaudert über die Geschichte des 28-Meter-Schiffs mit Heimathafen Lübeck. "Die ,Norden' ist 137 Jahre alt und eine ,nordische Jagt'." Wo sich heute Kombüse und Kojen befänden, sei früher der Lagerraum gewesen. Heute ist die im Geiste alter Schiffsbaukunst restaurierte "Norden" mit Gästegruppen auf Nord- und Ostsee unterwegs und bei Großseglertreffen ein gern gesehener Gast.

"Wer hat heute morgen Nutella und Müsli gefrühstückt?", fragt Timpen in die Runde. Einige Finger strecken sich in den Abendhimmel. "Ihr helft mir schon mal nicht beim Segelsetzen. Ich brauche Leute, bei denen es Schwarzbrot und Spiegelei gab." Timpen fordert drei Frauen auf, ihm zu folgen, schon hängt Ruth Schmidt lachend in den Seilen. "Das is' ja hier kein Wellnessurlaub!", ruft Timpen. Unter stolz geblähtem Vordersegel nimmt die alte Lady jetzt Kurs auf Pelzerhaken. Insgesamt hat die "Norden" 260 Quadratmeter Segelfläche: "Wenn sie unter vollen Segeln ist - das müsstet ihr mal erleben", schwärmt Timpen von Schräglage und Gischt.

Als nächstes steht Knotenkunde auf dem Plan. "An Bord gibt es fast 30 Knoten, und jeder ist wichtig", sagt Timpen und reicht jedem einen Tampen zum Üben: Achterknoten, Kreuzknoten, Palstek. Inzwischen hat Schiffsjunge Philipp Svenson kurzzeitig das Steuerrad übernommen. "Fahr mal ein bisschen schneller, der Käptn will Wasserski laufen", ruft Timpen. Das ist die Steilvorlage zum Thema Geschwindigkeit: "Früher", beginnt er, sei sie mittels einer Leine gemessen worden, die in festen Abständen mit Knoten bestückt war. Diese wurde mit einem Holzstück beschwert über Bord geworfen, dann zählte der Matrose die Knoten, die ihm in einer bestimmten Zeitspanne durch die Hand glitten. "Der Kapitän kannte dann die Geschwindigkeit seines Schiffes" - genau vergleichen konnte er sie noch nicht.

Als "Wir lagen vor Madagaskar" und "Bring back my Bonnie" verklungen sind, wird es still an Deck. Jeder hängt seinen Gedanken nach. "Unsere Ostsee glänzt wie Blei", sagt Timpen, als das letzte Licht hinter der Silhouette der nun beleuchteten Grömitzer Promenade verschwindet. Entlang der Lübecker Bucht blinken die Leuchtfeuer. Schiffsjunge Philipp holt das Segel ein, Bootsmischling Momo, ein "nordischer Walvorsteherhund" nimmt seinen Ausguck-Platz an der Reling ein.

"Das war wunderschön", sagt die durchgefrorene Ruth Schmidt, nachdem Philipp ihr von Bord geholfen und sie wieder festen Boden unter den Füßen hat. Und Ehemann Manfred sagt ein sechstes Mal: "Gut, dass wir mitgefahren sind."